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Die Geschichte von Tasnim

Tasnim: Ihre Träume sollen wahr werden

In Ketermaya ist die Schule blau. Aus der winzigen Hütte im Zentrum des Flüchtlingslagers dringen die Stimmen von zwei Dutzend Mädchen und Jungen. Im Chor geht es durch Alphabet und Einmaleins. Die fünfjährige Tasnim hält es nicht auf ihrem Stuhl. Voller Eifer wiederholt sie Buchstaben und Zahlenreihen. Lautstark, als wollte sie die anderen übertönen. Fast so, als ginge es um ihr Leben. Und in gewisser Weise tut es das auch. Denn die ein, zwei Schulstunden am Tag sind ihre einzige Chance.

In Ketermaya wissen das schon die Kleinsten. Tasnim lebt seit zwei Jahren in dem kleinen Camp, einem Stück Ackerland zwischen Olivenbäumen im Libanon-Gebirge. Sie ist das jüngste der sieben Enkelkinder, die Iman Kinno aus der Hölle von Aleppo rettete. Schwere Raketen schlugen wahllos mitten in Wohnvierteln ein. Auf den Straßen Scharfschützen, Granaten, Gefechte. Die 64-Jährige verlor vier Söhne und eine Tochter, ihre Enkel die Eltern.

Mit kaum mehr als dem, was sie am Leib trugen, flüchteten sie in den Libanon. Eine Woche waren sie unterwegs. Sie schliefen kaum. Pappkartons waren die einzige Möglichkeit, die Kinder vor der Februarkälte zu schützen.

„Ich hatte Angst, dass uns auch diese Kartons weggenommen werden“, erinnert sich die Großmutter.

Tasnim und ihre Geschwister, Cousinen und Cousins – eine wilde Schar Fünf- bis Achtjähriger und zwei ältere Jungen, elf und 15 Jahre alt – vermissen ihre Eltern sehr. Sie leiden unter dem Verlust ihres Zuhauses und den Umständen ihres täglichen Lebens im Camp. Am Tag schaffen sie es, das zu vergessen. Nachts aber kommen die erlebten Schrecken zurück. Kinder können aus allem ein Spiel machen. Wunde Seelen sieht man erst auf den zweiten Blick.

„Als wir Tasnim kennenlernten, war sie sehr verschüchtert und ängstlich“, erzählt Bilal Arkadan.

Er ist bei Islamic Relief Libanon verantwortlich für die psychosoziale Betreuung traumatisierter Kinder. Mit Malen, Spielen oder Sport hilft er ihnen dabei, Angst und Unruhe, Bettnässen, Zurückgezogenheit oder Aggressionen zu überwinden. Tasnim hat er sofort ins Herz geschlossen.

„Ich habe mir viel Mühe gegeben, um an sie heranzukommen und ihr zu helfen. Inzwischen hat sie uns als ihre Familie angenommen.“

Wenn er Tasnim heute besuche, dann strahlten ihre Augen und sie springe ihm atemlos und mit offenen Armen entgegen.

„Es ist schön zu sehen, wie sie sich entwickelt.“

Die Mitarbeiter von Islamic Relief Libanon versorgen die rund 50 Familien im Ketermaya regelmäßig mit Nahrungsmitteln und Hilfsgütern wie Hygienesets, Decken und Heizgeräten. Sie übernehmen auch Behandlungskosten und kommen einmal im Monat mit ihrer mobilen Klinik vorbei. Tasnims Großmutter ist für diese Hilfe sehr dankbar. Und doch, das Wenige reicht kaum zum Leben.

Um etwas Geld zu verdienen, fährt die alte Frau deshalb manchmal bis nach Beirut. Auf den Straßen verkauft sie Taschentücher.

„Wir leben fern von allem. Die Kleinen können vieles noch nicht selbstständig. Ich mache mir ständig Sorgen um sie und habe Angst, wenn ich arbeiten gehen und sie alleine lassen muss. Nur ein wenig finanzielle Hilfe würde uns retten.“

Die Schulstunde ist vorbei. Tasnim läuft weinend nach Hause und stürzt sich in die Arme ihrer Großmutter.

„Sie hat eine schlechte Note bekommen“, erklärt Iman Kinno. „Ich war beschäftigt mit dem Kochen. Es dauert immer so lange, das Wasser zu besorgen. Ich konnte nicht mit ihr üben. Das alles ist sehr viel Verantwortung für mich.“

Keine fünf Minuten später tobt Tasnim wieder mit den anderen durch das Camp. Unermüdlich wiederholt sie die Reime aus dem Unterricht. Das lässt auch die Großmutter wieder lächeln.

„Manchmal spielt sie die Lehrerin für das ganze Camp.“

Beobachtet man das aufgeweckte Mädchen, braucht es nicht viel Fantasie, um sich das vorzustellen.

„Ihre Träume sollen wahr werden“, wünscht sich ihre Großmutter. „Sie sollte Lehrerin werden, nach Syrien zurückkehren und dort ihre Energie versprühen.“

Hunderttausende syrische Waisenkinder wie Tasnim brauchen dringend deine Hilfe!

Ihre Lage in den Flüchtlingslagern im Libanon ist dramatisch. Ihnen fehlt es an allem: Essen, Trinkwasser, Medikamente, warme Kleidung und Öfen für den Winter. Islamic Relief versorgt die Kinder und ihre Familien mit dem Nötigsten und hilft ihnen, die erlebten Schrecken zu überwinden.

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