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Die Geschichte von Ezzat und Jawdat

Ezzat und Jawdat: „Die Bilder auf dem Telefon sind alles, was uns geblieben ist“

Da gibt es dieses Foto von Jawdat und seinem Vater. Ein typisches Selfie, aufgenommen mit dem Handy in einem Moment, der für beide wohl so besonders war, dass sie ihn festhalten wollten. Der damals Elfjährige schmiegt sich darauf an den groß gewachsenen Mann. Der hält seinen Jungen fest im Arm. Beide lächeln. Das Foto stammt aus längst vergangenen Tagen. Jawdats Mutter Amal hütet es wie einen Schatz.

„Die Bilder auf dem Telefon sind alles, was uns geblieben ist. Der Rest ist mit dem Haus verbrannt. Meine Schlüssel trage ich immer noch bei mir. Ich kann nicht glauben, dass wir nie zurückkehren werden.“

Immer wieder kämpft die 40-Jährige mit den Tränen. Auch Jawdat und seinem kleinen Bruder Ezzat fällt das Erinnern schwer. Es war im März 2013, als die Kämpfe um die syrische Stadt Homs heftiger wurden. Aus ihrem eigenen Haus war die Familie da längst schon vertrieben worden. Sie waren bei Verwandten untergekommen. Der Vater arbeitete in einem Restaurant in der Nähe. Oft waren seine Söhne bei ihm. An diesem Tag aber schickte er sie früh nach Hause. Er versprach, bald nachzukommen und das Abendessen mitzubringen. Als die Bomben einschlugen, schliefen Jawdat und Ezzat bereits.

Erst spät in der Nacht erfuhren sie vom Tod des Vaters. „Meine Mama hat nur noch geschrien“, erinnert sich Ezzat. „Sie schlug sich ins Gesicht, immer und immer wieder.“

Auch die Kinder standen unter Schock. Zwei Tage haben sie sich geweigert, etwas zu essen. Bis heute beten sie jeden Abend vor dem Zubettgehen für ihn. Groß und schlank, ein ruhiger Mann, der wenig gesprochen hat, so beschreibt Jawdat seinen Vater. Das passt auch gut auf den heute 14-Jährigen selbst. Jawdat ist ein ernster Junge. Etwas einsilbig, linkisch und schüchtern, wie viele Jungs in seinem Alter. Er mag Religion und möchte Kardiologe werden. Anders sein Bruder Ezzat.

Der Scheitel, den seine Mutter ihm gezogen hat, braucht schon etwas Wasser, um in seinem temperamentvollen Haar zu halten. Der Zehnjährige liebt Autos, seit er denken kann. Auch Ezzat weiß schon genau, was er einmal werden will: Autohändler. Klar. Dass Amal ihren Söhnen kein schönes Leben mehr bieten kann, macht sie sehr traurig.

„In Syrien hatten wir alles. Wir haben beide gearbeitet. Wir waren glücklich und frei.“

Heute teilen sich Amal und ihre Söhne den baufälligen Verkaufsraum einer alten Parfümerie in Saida, 40 km südlich von Beirut. Die Schaufenster haben sie mit Packpapier abgeklebt, den Raum provisorisch mit einem Tuch abgetrennt. Zum Schlafen breiten sie dünne Schaumstoffmatratzen auf dem Fliesenboden aus, zum Essen ein Tuch. 200 Dollar müssen sie dafür jeden Monat allein für Miete und Strom bezahlen. Ohne die Hilfe von Islamic Relief könnte Amal das nicht. Die Hilfsorganisation versorgt die Familie regelmäßig mit dem Nötigsten: Essen, Medikamente, Kleidung ebenso wie mit Decken und einem Heizgerät für den Winter.

„Islamic Relief ist das erste Tor, was sich für mich geöffnet hat. Vor allem Wafaa habe ich vieles zu verdanken. Sie ist inzwischen wie eine Schwester.“

Die Mitarbeiterin von Islamic Relief hat sich auch dafür stark gemacht, dass Jawdat und Ezat wieder zur Schule gehen können. Das bekommt ihnen gut, freut sich Amal.

„Am Anfang haben meine Söhne viel geweint und fühlten sich sehr fremd. Jetzt haben sie neue Freunde und lernen fleißig.“

Auch Amal schöpft daraus neue Hoffnung. Sie ist selbst Lehrerin. Und ohne, dass sie es ausspricht, wird klar: Sie mag alles verloren haben, ihr Wissen aber, das kann ihr niemand nehmen. So vermittelt sie es auch ihren Söhnen.

„Nur mit einem ordentlichen Schulabschluss werden meine Kinder eine gute Arbeit finden und Ansehen genießen.“

Das Lernen in der neuen Umgebung fällt den Jungen aber nicht immer leicht. Weil viele Fächer nur in englischer Sprache unterrichtet werden, müssen sie sich sehr anstrengen. Auch ihre Mutter kann ihnen deshalb kaum helfen. Für Nachhilfe fehlt ihr das Geld. Es sind gerade diese Momente, in denen sich Amal nichts sehnlicher wünscht, als endlich Arbeit zu finden.

Und was wünscht sie sich für die Zukunft ihrer Söhne? „Echte Gentlemen sollen sie werden“, hofft Amal. „Sie sollen sich in der Welt zurechtfinden. Und sie sollen werden, was sie werden wollen.“

Die Jungs verabschieden sich zum Freitagsgebet in die Moschee. Jawdat richtet seinen Hemdkragen, Ezzat glättet die Wirbel im Haar.

„Sie sind die Krone auf meinem Haupt“, lächelt Amal stolz.

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